Canggu

Bali gilt seit einiger Zeit als das Mekka für digitale Nomaden. Das gute Wetter, die günstigen Lebenshaltungskosten und eine große Anzahl an Coworking-Spaces waren auch für uns ein gutes Argument für einen längeren Aufenthalt. Wir entschieden uns für Canggu an der Westküste, wo wir den nächsten Monat verbringen wollten.

Die ersten Tage auf Bali verbrachten wir damit, unser Leben einzurichten. Ein guter Tipp, um eine günstige Unterkunft zu finden (also nicht Airbnb), waren Facebook-Gruppen für Digitale Nomaden und Wohnungsvermittlern.  Wir posteten unsere Suche und wurden von einigen Leuten angeschrieben, die ganze Villen oder einzelne Zimmer vermieten. Nach einigen Besichtigungen hatten wir uns für die „Villa Nitras“ an einer neu bebauten Straßen entschieden. Die Villa war im balinesischen Stil gebaut. Insgesamt gab es vier Häuser: ein „Haupthaus“ mit Küche und einen großen Raum im ersten Stock (das wir bezogen). Zwei weitere Häuser am Pool und ein Haus zur Straße hin, wo im Erdgeschoss der Hausmeister wohnte. Der erste Stock gehörte der Besitzerin der Villa, Sandra.
Ein paar Tage später zogen Mitbewohner ein: ein Paar aus den Niederlanden, beide ungefähr in unserem Alter, die auch einen Monat bleiben wollten.

Nachdem wir in die Wohnung eingezogen waren, besichtigten wir den Coworking-Space Dojo. Über zwei Stockwerke konnte man sich hier einen Arbeitsplatz aussuchen. Klimatisierte Räume und Skype-Boothes gab es auch. Und natürlich durfte die Café-Bar und das kleine Restaurant nicht fehlen. In der Mitte des Raumes gab es auch noch einen Pool. Ein ganz schön cooler Ort zum Arbeiten. Wir buchten uns einen Platz für den Monat. Als das geregelt war, klapperten wir noch die lokalen Fitnessstudios ab und entschieden uns schließlich für ein Studio, in der Nähe des Coworking-Spaces.

Unseren Roller bekamen wir von der Villa gestellt und ich bekam sogar meinen eigenen fahrbaren Untersatz. Ohne Roller kam man in Canggu auch nicht weit. Fußgängerwege waren wie immer nicht wirklich vorhanden. Zudem war Canggu kein Ort, wie man es im westlichen Sinne kennt. Eigentlich handelte es sich um eine Ansammlung an Straßen an denen sich Restaurants und Geschäfte befanden. So etwas wie ein Zentrum war nicht vorhanden.

Canggu

Da wir uns den Monat über nicht wirklich aus Canggu hinaus bewegt hatten (außer drei Mal zum Immigrationsbüro für die Visumsverlängerung zu fahren), kann ich über keine großen, interessanten Geschehnisse berichten. Allerdings kann ich euch erzählen, wie wir Canggu und unseren Ausflug in die Welt der digitalen Nomaden fanden. Dafür habe ich eine kurze Pro-und Contra-Liste erstellt.

Pro

Gesundes Essen
Die vielen Hippster-Restaurants bieten gute, gesunde Gericht. Hier muss niemand ohne seinen Kale-Smoothie oder smashed Avocado Toast leben. Die Preise sind allerdings auch um einiges höher, als in den lokalen Restaurants.

Supermärkte
Es gibt einige gut sortierte Supermärkte, die sich auf die Bedürfnisse der westlichen Kunden eingestellt haben. Es war also nicht schwierig, Wurst und Käse und sogar gutes Brot und Müsli zu bekommen.

Das Wetter (natürlich)
Auch wenn es mal den ein oder anderen Nachmittag geregnet hat, war Wetter einfach grandios auf Bali. Es war warm bis heiß und die lange Hose blieb über den kompletten Zeitraum im Schrank.

Arbeitsatmosphäre im Coworkingspace
Auch wenn es anfänglich ein wenig komisch war in einer Art Büro mit Pool zu sitzen, in dem keiner Schuhe trägt und auch mal mit Bikini durch die Gegend läuft, die Arbeitsatmosphäre war angenehm. Die Leute wirkten gut gelaunt, während sie vor ihren Laptops saßen. Die Manager des Coworking-Spaces organisierten regelmäßig Vorträge und gemeinsame Abende. Man konnte sich hier also recht einfach einen Bekannten- oder gar Freundeskreis aufbauen.

Contra

Hipster, überall Hipster
Eigentlich fühle ich mich ja immer ganz wohl, wenn ich einen Hipster-Ort in der Fremde finde. Doch in Canggu war es selbst mir zu viel. Alle Leute waren meeeeegaaa entspannt, hatten mindestens ein Tattoo, waren braungebrannt, ernährten sich gesund, waren erfolgreich und überhaupt toll und so. Die Straßen waren mit Geschäften überseht, die kleine Hipstersachen für viel Geld verkauften. Alles war durchgestylt. Und es wirkte irgendwann wie eine Inszenierung.

Ich fragte mich oft, was die Balinesen wohl davon hielten, dass ihre Stadt von all den Hipstern eingenommen wurde. Die einheimische Bevölkerung wirkte zurückgedrängt auf ein paar Straßen am anderen Ende der Stadt. Dort fand man dann doch noch nach langem Suchen einen normalen Markt, wo die Kokosnuss auf einmal nur noch die Hälfte des Supermarkt-Preises kostete.

Verkehr
Ich hatte es ja schon erwähnt, ohne Roller ging hier nichts. Und jede Person besaß auch einen. Dies führte täglich zu einem Verkehrschaos, besonders an den Hauptstraßen. Mit einem Auto kam man noch langsamer voran, da man im Stau nicht einfach an der Seite vorbeikurven konnte, wie mit dem Zweirad. Zudem war es nicht verboten alkoholisiert mit dem Roller zu fahren. Das war ganz schön verrückt und während der Rush-Hour auch echt unentspannt.

Müll
Wie auf so vielen Inseln in Südostasien hat auch Bali ein großes Müllproblem. Am Strand lag der Müll oft in großen Haufen neben den Surfschulen herum. Das hielt aber keinen Supermarkt davon ab, seinen Kunden die Einkäufe gleich in zwei Tüten übereinander zu packen.

WG-Leben in der Villa

Wir teilten, wie schon erwähnt, unsere Unterkunft nicht nur mit der Besitzerin Sandra, sondern auch mit einem Paar aus Amsterdam.
Sandra stammte aus Hongkong und hatte einen reichen älteren Deutschen geheiratet, der leider vor einem Jahr verstorben war. Nun pendelt sie zwischen Deutschland, China und Bali und war laut eigener Aussage ohne wirkliche Beschäftigung. Sie hatte das Leben einer reichen Witwe auf jeden Fall gut unter Kontrolle. Ihr Fahrer fuhr sie jeden Meter in dem großen SUV durch Bali und eine Weinflasche selbst aufzumachen, kam auch nicht in Frage. Das übernahm immer einer der Angestellten.  Das irritierte mich anfangs etwas. Aber Sandra war auch sehr großzügig und nett und hatte einen freundlichen Umgang mit ihren vielen Angestellten.

Floris war Entrepreneur (seine Worte) und hatte nach dem Verkauf seiner Firma eine Auszeit gebraucht. Seine Freundin Laurie hatte gerade ihr Kriminalistikstudium beendet, wollte aber den Beruf gar nicht ausüben, sondern suchte nach einem Alternativweg um Geld zu verdienen.
Eine spannende Konstellation, könnte man sagen. So richtig viele Gemeinsamkeiten gab es allerdings nicht. Zwei Mal lud Sandra zu einem gemeinsamen Abendessen ein. Und einmal unternahmen wir zusammen mit einer von Sandras Bekannten, die aus Hongkong zu Besuch in der Villa war, einen Tagesausflug zu einem Tempel.
Zur Villa gehörten auch drei männliche Angestellte, von dem einer vor Ort wohnte und eine zusätzliche Haushälterin. Und man darf natürlich nicht die zwei balinesischen Hunde Bobo und Lucky vergessen, die sich bis zu unserem letzten Tag nicht wirklich an uns gewöhnten und ständig bellten, wenn jemand aus seinem Zimmer kam. Alleine war man also eigentlich nie in der Villa Nitras, es war eher wie ein merkwürdiges WG-Leben.

Der Mangel an Privatsphäre war nicht ganz so schlimm für mich, da ich in einer großen Familie aufgewachsen bin, wo man von geschlossenen Türen nicht so viel gehalten hatte (jeder, der zwei Brüder hat, weiß wovon ich spreche).
Für Marc allerdings war es schon etwas unangenehmer bereits ,orgens in der Küche mit vier weiteren Personen seinen Kaffee zuzubereiten. Er war also nicht allzu traurig, als wir nach einem Monat unser WG-Leben wieder hinter uns ließen.
Auch wenn ich die Zeit in Canggu genossen hatte, war auch ich froh, nach einem Monat weiterzureisen. Auf Dauer hatte ich mich hier ein wenig eingesperrt gefühlt. Es gab einfach zu wenig Alternativen und ich sah mich gezwungen, fast täglich die gleichen Strecken zurückzulegen: zum Coworking-Space,  Fitnessstudio, vielleicht noch zum Supermarkt oder ins Restaurant. Das war mir einfach zu wenig Abwechslung und mir fehlte meine Unabhängigkeit.
Trotz allem ist Canggu ein guter Ort, besonders um sich für einige Zeit auf seine Projekte zu konzentrieren und Dinge vorwärts zu bringen.

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