Hiroshima

Die nächsten vier Tage verbrachten wir in Hiroshima. Wir hatten uns für diese Stadt entschieden, da sie nicht nur eine Stück Weltgeschichte darstellt sondern auch etwas ruhiger sein soll. Ruhe konnten wir gebrauchen, denn die zahlreichen Stationen und Erlebnisse in Japan zerrten ein wenig an unseren Nerven und an unserer Aufnahmefähigkeit.

Was macht man nochmal in einer Küche?

Den ersten Tag in Hiroshima verbrachten wir fast ausschließlich in unserem Airbnb-Apartment, das zu unserer Freude sehr hübsch eingerichtet war, genug Platz für zwei Personen bot und sogar eine gut ausgestattete Küche besaß. Die Küche war es auch, die uns bemerken ließ, dass wir in den Wochen in Japan tatsächlich kein einziges Mal selbst gekocht hatten. Entweder wir gingen irgendwo essen, holten uns fertige Gerichte aus Fressmeilen in den Einkaufszentren (mit wirklich tollem Essen) oder die günstigere Variante von Fertigessen aus dem Supermarkt. Zutaten für selbstgekochtes Essen in japanischen Supermärkten zu kaufen, war gar nicht so leicht. Obst und Gemüse sind sehr teuer und viele Lebensmittel kannten wir gar nicht bzw. wir wussten nicht, wie man sie zubereitet. Dies führte zu langen Aufenthalten in den Supermarktgängen ohne großen Erfolg. Aber dieses Mal war uns das Reisebudget egal. Wir kauften für einen großen Salat mit Hähnchenstreifen ein und genossen es, mal wieder etwas Grünes und Selbstgekochtes zwischen die Zähne zu bekommen.

Ein Stück Weltgeschichte

Nach diesem ruhigen Start in die neue Stadt hatten wir Kraft getankt und wieder Lust, neue Dinge zu erleben. Als Erstes besuchten wir den Friedenspark, in dem sich die Atombomben-Kuppel (Atomic Bomb Dome oder kurz A-Bomb Dome) und das Hiroshima Denkmal befinden.

Bei der Atombomben-Kuppel handelt es sich um die ehemalige Industrie- und Handelskammer aus dem Jahre 1914. Als die Atombombe am 6. August 1945 die Stadt getroffen hatte, stand dieses Gebäude nur 160 Meter von der Explosion entfernt. Die Druckwelle hatte fast senkrecht auf die Struktur eingewirkt und somit alle Menschen die sich darin aufhielten sofort getötet. Die Struktur des Gebäudes hatte allerdings der Druckwelle standgehalten. Daher gilt der A-Bomb Dome als das Wahrzeichen für dieses schreckliche Ereignis der Weltgeschichte.

Im direkt angrenzenden Friedenspark stehen zahlreiche Monumente und Gedenksteine, die alle so aufgestellt sind, dass sie mittig auf einer Linie im Park hinter einander stehen. Zum Beispiel findet man hier die Flamme des Friedens, die so lange brennen soll, bis die letzte Atomwaffe auf Erden verschwunden ist. Das Kinder-Friedensmonument ist dem Mädchen Sadako Sasaki gewidmet, das als die weltweit berühmteste Hibakusha (Überlebende des Atombombenabwurfs) gilt. Sadako hörte nach ihrer Leukämie-Erkankung von einer japanische Legende, nach der ihr die Götter einen Wunsch gewähren würden, sobald sie 1.000 Origami-Kraniche gefaltet haben würde. Es gibt verschiedene Versionen, ob sie die tausend Kraniche fertigstellen konnte, bevor sie mit 12 Jahren an den Folgen der Verstrahlung starb. Origami-Kraniche, die seither als Zeichen für Weltfrieden stehen, findet man zu tausenden an und um das Monument angebracht, gefaltet und eingesendet von Menschen aus der ganzen Welt.

Das Friedensmuseum liegt in der Mitte des Parks und wird derzeit umgebaut, sodass man leider nur einen begrenzten Teil der Ausstellung besichtigen kann. Trotzdem ist der Besuch des Museums sehr eindrucksvoll. Hier werden Hintergründe dargestellt wie es zu dem Angriff kam, wie eine Atombombe überhaupt funktioniert und wie groß die Zerstörungskraft der Little Boy in Hiroshima war. Viele anschauliche Bildern bringen einem dieses schreckliche Ereignis der Weltgeschichte näher: zerrissene und blutbefleckte Kleider, Fotos von Opfern und deren körperlichen Schäden, unter denen sie auch noch Monate und Jahre nach dem Angriff litten. Wer noch mehr Tragik ertragen kann, dem stehen Interviews mit Augenzeugen auf großen Fernsehern zur Verfügung. Ihr könnt euch also vorstellen, wie bedrückend die Stimmung in diesen Räumen war. Dieses Kapitel der Menschheitsgeschichte scheint so weit entfernt, aber eigentlich ist das alles noch gar nicht so lange her und mit den aktuellen Hintergründen und Entwicklungen in Nordkorea, wird einem noch mulmiger zumute.

Hidden Treasure – das Restaurant Gutssuri-a (ぐっつり亭)

Für das Abendessen hatte uns Marc ein Restaurant etwas außerhalb des Stadtzentrums rausgesucht. Da wir an dem Tag noch nicht wirklich viel Bewegung hatten und mir das Museum noch in den Knochen steckte, bestand ich darauf, die 5 km dorthin zu Fuß zu gehen. Leider verlief der Weg fast ausschließlich an einer vierspurigen Straße entlang und je weiter wir von dem Stadtinneren entfernten, desto unsicherer wurden wir uns mit der Wahl des Lokals. Nach einiger Zeit fanden wir es, eingequetscht zwischen Parkplätzen und etwas, das aussah wie ein Schrottplatz. Naja, da wir den langen Weg auf uns genommen hatten, wollten wir jetzt auch nicht wieder den Rückzug antreten. Und das war die beste Entscheidung überhaupt: wir betraten ein gemütlich eingerichtetes Restaurant mit einer hübschen Bar in der Mitte und guter Musik im Hintergrund. Von einem Niederländer abgesehen, waren alle Tische allerdings komplett leer! Lag es daran, dass es Dienstag war? Wir wissen es bis heute nicht. Am Essen konnte es nicht liegen, denn das war großartig.

Die nette englisch-sprechende Bedienung half uns bei der Auswahl der Speisen und so bestellten wir hintereinander gleich vier Gerichte zum Teilen:

  • Gegrillte Fischplatte, die direkt vor unseren Augen von der Bedienung an der Feuerstelle gegrillt wurde
  • Schrimps-Salat
  • Überbackene Jakobsmuschel
  • In Sake gedämpften Red Snapper

Beim Essen kamen wir mit der Kellnerin ins Gespräch. Sie war die Frau des Restaurant-Besitzers und hatte ein Austauschjahr in Amerika verbracht (daher das gute Englisch). Sie war ungefähr in unserem Alter und wir hatten endlich die Gelegenheit Fragen zu Japanern und ihren Gewohnheiten zu stellen. Somit erfuhren wir unter anderem, dass dick zu sein ein no-go ist in Japan, da man als unkontrolliert gelten würde und es sehr wichtig sei, immer sein Gesicht in der Öffentlichkeit zu wahren. Daher streiten Japaner auch nie vor anderen Menschen. Nach diesem Abend hatten wir das Gefühl, die japanischen Welt ein bisschen besser zu verstehen.

Der schwimmende Itsukushima-Schrein und zahme Rehe

Ein weiteres Highlight in Hiroshima ist der Itsukushima-Schrein mit einem Tor, das von der Ferne im Wasser zu schwimmen scheinen soll. Der Schrein liegt auf der Insel Miyajima, die man mit der Fähre erreicht. Als wir die Insel betraten, trauten wir unseren Augen nicht: da standen doch tatsächlich Rehe mitten auf dem Platz! Als wir weitergingen, sahen wir, dass es von den zahmen Tieren nicht nur eins oder zwei gab, sondern dass sie an jeder Ecke zu sehen waren und versuchten, Futter von den Menschen zu ergattern (zur Not auch eine Karte aus Papier).

Rund um den Schrein gibt es ein paar Einkaufsstraßen mit kleinen Läden, Restaurants und Straßenständen, die sich auf die vielen Touristen eingestellt haben. Wir hatten vorab gelesen, dass die Insel besonders für seine Austern berühmt ist und wollten das natürlich ausprobieren. Leider hatte unser Restaurant der Wahl an diesem Tag geschlossen, sodass wir die Straßen auf- und abliefen, bis wir uns schließlich für eine Alternative entscheiden konnten. Im Restaurant bestellten wir zwei Mal Reis mit frittierten Austern und Ei und zwei in Sake gedämpfte Austern als „Beilage“.

Nach dem Essen wollten wir uns den Schrein etwas genauer ansehen und stiegen auf einen kleinen Berg hoch von dem man eine gute Aussicht über die Insel hatte. Das im Wasser stehende Tor wurde bei unserem Besuch gerade restauriert, weswegen ein Gerüst um eines der Säulen angebracht war. Daher konnten wir den angepriesenen Effekt des Schwimmens nicht wirklich nachvollziehen. Viel mehr gab es nicht zu tun oder zu sehen, daher streichelten wir nochmal ein paar Rehe und verließen die kleine Insel wieder.

Hiroshima – die Stadt des Okonomyaki

Wenn man in Hiroshima durch die Straßen geht, hat man den Eindruck, dass es hier fast nichts Anderes zu essen gäbe, als Okonomyaki. Wisst ihr noch? Das war das „Spaßessen“ aus Kohl, Eier und Nudeln, das wir in Tokio selbst zubereitet hatten. Eigentlich wollten wir dem Ruf des eher ungesunden Essens nicht folgen, aber am letzten Abend gaben wir dann doch auf und suchten uns ein Plätzchen in einem der vielen Restaurants. Es schmeckte um einiges besser als die Version, die wir selber zubereitet hatten, aber nochmal müssten wir es beide nicht haben.

Wir ließen den Abend noch mit einer Ladung Wäsche im nahegelegenen Waschsalon ausklingen und am nächsten Tag ging es mit dem Zug schon wieder weiter in den Westen und zwar in die kleine Stadt Beppu.

Und natürlich hat's am Reisetag wieder geregnet.
Und natürlich hat’s am Reisetag wieder geregnet.

Kommentar schreiben

Navigate